Reisen, Sabbatical

Sabbatical Interview mit Gitti: Du bist nie zu alt für den Scheiß!

Gitti Müller ist Journalistin und Autorin mit ausgeprägter Leidenschaft zum Reisen. Nach einer Ausbildung zur Reisekauffrau hat sie 3 Jahre in Paris gearbeitet und war danach, 1980, ein Jahr lang in Südamerika mit dem Rucksack unterwegs. Heute lebt und arbeitet sie als freie Journalistin, macht Filme, schreibt Bücher und gibt Kurse in Yoga und Achtsamkeit. Doch das Reisefieber hat sie nie wieder losgelassen und so packt sie immer wieder ihren Rucksack, um erneut auf Reisen zu gehen.

Sabbatical Frage 1:  Wann fiel die Entscheidung für dein Sabbatical und was hat dir den Anstoß gegeben?

Ich habe nach der Ausbildung 3 Jahre in Paris gelebt und eine ziemliche Blitzkarriere hingelegt. Mit 24 war ich Direktionsassistentin eines großen, französischen Reiseunternehmens. Ich verdiente gut, hatte eine schmucke Wohnung im Künstlerviertel und dachte: und jetzt? Mein damaliger Lebenspartner und ich träumten schön länger davon eine Weltreise zu machen und da kam nun der Gedanke: wenn nicht jetzt, wann dann? Würde ich jetzt nicht aussteigen dann wäre die Gefahr groß, dass ich mich an den Wohlstand und die Bequemlichkeit gewöhnte und niemals wieder den Mut aufbrächte, mich ins Ungewisse zu stürzen. Wir kündigten also beide unsere Jobs, unsere Wohnung in Paris, verkauften und verschenkten unser Hab und Gut und begaben uns mit einem Oneway-Ticket nach Cayenne, Französisch Guyana. Route und Rückkehr unbekannt.

Sabbatical Frage 2: Wie hat man auf Arbeit und in deinem privaten Umfeld reagiert?

Meine Eltern haben mich für verrückt erklärt (Kind, denk doch mal an deine Rente!), mein Chef in Paris fand die Idee bekloppt aber gut („das wollte ich auch immer machen“) und unsere Freunde schwankten zwischen Bedenken und Neid. Brüche im Lebenslauf waren damals eher ungewöhnlich. Den Begriff „Sabbatical“ gab es noch gar nicht. Wer ausstieg wurde bestenfalls als Hippie angesehen und alle waren sich einig, dass er oder sie nie wieder  ins Berufsleben zurück finden würde. Zudem galt man als Abenteurer. Wer sich in unbekanntes Terrain wie Südamerika begab, konnte keinen Kontakt nach Hause halten (kein Skype, kein Whats App und Telefonieren viel zu teuer). Es gab ja 1980 noch kein Internet und Südamerika hatte viele weiße Flecken. Es galt als gefährlich, mehr wusste man eigentlich nicht. Fast überall herrschten Militärdiktaturen und die Infrastruktur war mau. Aber das merkten wir erst als wir schon da waren (ein Glück!).

Aber noch krasser waren die Reaktionen als ich mir im Alter von 58  noch mal einen Rucksack gekauft habe und damit nach Südamerika geflogen bin. Das ging bei jungen Leuten von  „wow! Wie cool! Das will ich später auch machen…Dann ist das ja gar nicht so schlimm mit dem alt werden“ bis Family „Jetzt ist sie völlig verrückt geworden. Rucksackreisen, in dem Alter!“.

Sabbatical Frage 3: Wann bist du ins Sabbatical gestartet, wie lang ging es und wo warst du unterwegs?

Wir sind im Oktober 1980 gestartet und 1 Jahr lang gereist. Start war in Französisch Guyana, von dort ging es die komplette brasilianische Küste nach Süden, mit dem Zug von Sao Paulo nach Iguazo und weiter zur bolivianischen Grenze. Dann einmal  rund um Bolivien mit Abstecher nach Argentinien, weiter nach Chile bis Chiloe und wieder hoch nach Peru. Kreuz und quer durch Peru, dann nach Ecuador. Natürlich haben wir alles auf dem Landweg gemacht, mit Bussen, Zügen, auf Lastwagen und in Ochsenkarren. Von Quito aus sind wir dann nach Mittelamerika geflogen und weiter ging es wieder auf dem Land Costa Rica, Nicaragua, Honduras, El Salvador, Guatemala. Dort ging uns dann das Geld aus. Ich flog zurück und mein Freund heuerte auf einem Segelschiff an und war ein weiteres Jahr unterwegs.

Sabbatical Frage 4: Was waren deine Highlights?

Es gab so viele Highlights. Am meisten hat mich die bolivianische Hochebene beeindruckt mit den majestätischen schneebedeckten Gipfeln der Anden. Der Titicacasee ist noch heute einer meiner Kraftorte. Es gab viele Begegnungen, Überraschungen und Abenteuer mit Einheimischen. Ich habe damals Tagebuch geführt und in meinem Buch „Comeback mit Backpack“ (Piper-Verlag) all diese Abenteuer noch einmal durchlebt.

Sabbatical Interview mit Gitti Müller: Du bist nie zu alt für den Scheiß!

Sabbatical Frage 5: Was hat dich das Sabbatical gekostet und wie hast du dafür gespart?

Christian und ich haben in Paris drei Jahre lang jeden Cent gespart den wir entbehren konnten. Wir hatten damals etwa 10.000 Dollar für das Jahr. Das hört sich heute unglaublich an, aber das war damals viel Geld. Wir waren sparsam unterwegs, haben in sehr einfachen Unterkünften gewohnt (Hostels gab es damals noch nicht) und in den sogenannten Populärküchen sowie auf der Straße gegessen. Dabei haben wir uns die ein oder andere Amöbenruhr zugezogen und ich habe insgesamt 10 Kilo abgenommen auf der Reise. Als das Geld fast aufgebraucht war, bin ich mit einem der ersten Billigfllieger (Freddy Laker) von Guatemala über Miami nach London geflogen und habe die letzten Scheine für den Zug nach Köln ausgegeben. Am Hauptbahnhof angekommen war ich dann pleite und hatte nicht mal genug für die Straßenbahn. Aber ich war glücklich.

Sabbatical Frage 6: Was hat sich nach der Reise für dich verändert?

Alles! Zunächst bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Nichts war mehr so wie vorher und ich war völlig überfordert mit der Situation umzugehen.

Ich fühlte mich fremd und allein.

All die Erfahrungen und Erlebnisse, die ich gemacht hatte hatten mich verändert. Aber zu Hause war alles gleich geblieben und es erschien so absurd worüber sich die Leute aufregten und was sie umtrieb. Ich hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen verloren zu haben, mich nicht mehr auszukennen. Das dauerte etwa 3 Monate. Heute weiß ich: das geht fast Jedem so, der nach der ersten langen Reise zurückkommt.

Dann habe ich mich berappelt. Mir war klar, dass ich nicht das gleiche Leben wieder aufnehmen will, welches ich vorher geführt hatte. Ich beschloss mein Abitur nachzuholen und Ethnologie/Altamerikanistik zu studieren. Die Indigenen in Bolivien hatten mich sehr fasziniert. Ich fand ihre Haltung zum Leben, ihre Weltanschauung und Philosophie, ihren Gemeinschaftssinn und ihre Hingabe an die Natur hochspannend und wollte mehr darüber wissen. Ich lernte Quechua und machte Auslandsstudien in Peru und Bolivien, lebte in einer indigenen Gemeinde am Titicacasee und lernte Aymara. Ich bin immer wieder nach Bolivien gereist, auch als ich bereits ein Kind hatte. Die Schulpflicht hat mich dann ein wenig sesshafter gemacht aber als mein Sohn erwachsen war, bin ich wieder mit dem Rucksack losgezogen und habe erneut die große Freiheit geschnuppert, die das Reisen mit sich bringt.

Letzte Frage: Hast du einen Tipp für diejenigen, die insgeheim auch von einem Sabbatical träumen, sich aber noch nicht trauen?

Ja. Traut Euch! Ihr könnt nur gewinnen. Diese erste lange Reise- obwohl jetzt fast 40 Jahre her- ist das, was mir am lebhaftesten in Erinnerung geblieben ist. Sie hat mich reich beschenkt an Erfahrungen und Begegnungen, an Emotionen und Berührung, an Hindernissen, die es zu überwinden galt.

Sie hat mich stark und lebenstüchtig gemacht. Ich habe während dieser Reise mehr gelernt als in jeder Ausbildung oder im Studium. Auch heute empfinde ich Reisen jedes Mal aufs Neue als eine Bereicherung. Die eigene Komfortzone zu verlassen, sich etwas zu trauen, Neues zu wagen, Menschen aus anderen Kulturkreisen zu begegnen und sich auszutauschen macht selbstbewusst, tolerant, flexibel und stark.

Auch wenn du glaubst du bist „zu alt für den Scheiß“ trau dich und lass dich eines Besseren belehren. Reisen hält jung!

 

Gittis Sabbatical 1980

Dauer: 12 Monate

Regelung mit dem Arbeitgeber: Gitti und ihr Freund haben ihre Jobs gekündigt.

Budget pro Person: 5.000 Euro

Reiseziele: Französisch Guyana, Brasilien, Bolivien, Peru, Ecuador, Costa Rica, Nicaragua, Honduras, El Salvador, Guatemala

 

Wer Lust hat noch mehr von dieser tollen Powerfrau zu lesen, der sollte sich Gittis Buch kaufen „Come Back mit Backpack“. Natürlich könnt ihr Gitti aber auch über ihre Website oder per Facebook folgen.

 

Gitti Müller ist mit Ü50 und liebt es immer noch ihren Rucksack zu packen, um auf große Reise zu gehen. Warum du nie zu alt für ein Sabbatical bist, das verrät sie dir im Interview auf PASSENGER X. 

 

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Wenn die nächste Reise noch in weiter Ferne scheint und du die Zeit gern ein wenig überbrücken möchtest, dann helfen dir vielleicht meine Lieblingsbücher – und Film mit „Abenteurtouch“:

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