Reisen

Wenn Träume zu Taten werden – die Geschichte meiner Reisesucht

Der normale Arbeitnehmer hat nicht mehr als 30 Tage Urlaub. Wer von der ganz großen Reise träumt, der muss also entweder ins Sabbatical gehen oder kündigen. Heute erzähle ich dir, was ich getan habe, um mir den großen Traum zu erfüllen.

Und da das für mich ein besonderes Thema ist, geht es heute auch nicht ohne Musik. Ich habe für dich einen der Tracks rausgesucht, den ich auf Reisen unzählige Male gehört habe und der dich sicher ganz schnell in die richtige Stimmung für diesen Artikel versetzt.

 

Wie es zu meiner Reisesucht kam und warum ich dafür meinen Job aufgab

In meiner Kindheit sind wir alle paar Jahre nach Dänemark gereist. Raus an die raue See, gemütlich im Ferienhaus. Das war nett, würde ich heute als Erwachsene denken, aber als Kind war das machmal auch öde. Immer wieder Dänemark. Mit Anfang 20, als meine Ausbildung beendet war und ich mein erstes richtiges eigenes Gehalt bekam, konnte ich dann endlich der Neugierde auf den Rest der Welt nachgehen. Es folgten viele Jahre, in denen ich jeden Urlaubstag in Reisezeit verwandelte. Mehr als drei Wochen am Stück waren, wie ja bei fast allen Angestellten, aber nicht drin. „Ich will mal richtig ausbrechen“ dröhnte es immer mal wieder in meinem Kopf. „Mal länger frei haben, mal weiter weg können, mal richtig raus sein.“ Wenn ein Gedanke immer wieder auftaucht, einen einfach nicht in Ruhe lässt, dann gibt es für mich nur einen Satz:

„Treffe eine Entscheidung und höre auf zu heulen.“

Klingt hart, ist für mich aber die einzig vernünftige Art zu leben. Um es etwas „weicher“ auszudrücken: Trau dich und mach endlich, was dir schon so lange durch den Kopf geistert, egal, wie schwer es sein wird. Oder aber sei fair zu dir selber und entscheide dich ein für alle mal es nicht zu machen. Dann höre aber auch auf, immer wieder daran zu denken oder auch davon zu erzählen. Gesteh dir ein, dass du es nie angehen wirst. Das ist ok. Wichtig ist es vor allem, dass man überhaupt eine Entscheidung trifft und zu dieser auch steht. Mit Leidenschaft zu 100% oder eben gar nicht. Alles besser, als ewig im „hätte, wäre, könnte“ hängen zu bleiben.

In meinem Fall habe ich mich für „Machen!“ entschieden.

Drei Jahre lang hatte ich schon neben meinem Vollzeitjob per Fernstudium Wirtschaftspsychologie gepaukt. Anfang 2016 sollte es dann an die Abschlussarbeit gehen. Nach der langen Doppelbelastung und der letzten großen Aufgabe vor Augen, war meine Energie Ende 2015 schon gut verbrannt. Für den Endspurt brauchte ich die Aussicht auf eine Belohnung, auf eine wirklich Große. Genau der richtige Zeitpunkt also, um meinen Wunsch des Ausbrechens in einen konkreten Plan zu wandeln. Der Moment, sich für „machen“ zu entscheiden. Was hätte schließlich motivierender sein können, als durch diverse Länder zu reisen und verschiedenste Abenteuer zu erleben?

Klingt gut, oder? Aber klar, so einfach ist das „machen“ nun auch nicht.

Was es für eine Auszeit braucht, ist natürlich viel freie Zeit, einiges an Geld und in meinem Fall, das Verständnis meines Heldens.

Der Blick auf mein Sparkonto und etwas Rumrechnerei überraschten mich selbst. Finanziell stand es nicht schlecht. (Was so eine Auszeit kostet und wie ich zu dem Geld kam, verrate ich dir hier) Schnell war allerdings auch klar, wenn ich auf große Reise gehen wollte, dann müsste ich das zu hauptsächlich allein tun. Denn mein Held hatte gerade erst einen neuen wirklich guten Job angetreten und eine mehrmonatige Auszeit noch vor Ende der Probezeit, schon klar, das geht natürlich nicht. Trotzdem wollte er mich nicht aufhalten, ganz im Gegenteil, er nahm mir noch die letzten Zweifel, machte mir Mut allein zu reisen.

Blieb also nur noch der letzte Punkt: viel freie Zeit.

Und dafür gab nur zwei Optionen: Entweder mein Arbeitgeber würde mich für die Zeit freistellen oder ich müsste kündigen. Ich bin ehrlich: ja mich beschlichen Zweifel. Was, wenn mein Arbeitgeber die Auszeit nicht genehmigen würde. Hätte ich den Mut dann zu kündigen? Ein Job ist wichtig und ich hatte ja nach vielen Jahren Arbeit gerade erst seit einem Jahr eine Referentenstelle inne und die machte mir wirklich Spaß. Mein Sicherheitsbedürfnis ist schon recht groß und einfach so ein unbefristes Anstellungsverhältnis mit gutem Gehalt zu kündigen… puh… das ist keine kleine Sache.

Was mir den Mut gegeben hat? Das waren drei Dinge.

1. Mein Held. Der voll hinter mir stand.

2. Das Bewusstsein für meine eigenen Bedürfnisse. Ich brauchte wirklich dringend mal eine Auszeit, mal weg vom Schreibtisch, vom Büro, von Studium, einfach mal neue Eindrücke, das Gefühl von Freiheit. Nicht immer zur gleichen Zeit ins Büro zu müssen, den Tag draußen statt drinnen zu verbringen. Ich wollte To Do Listen entwerfen, auf denen so etwas stehen würde wie „den schönsten Ausblick finden“, statt Daily Stand-ups machen zu müssen.

3. Mein eigenes Mantra „machen oder aufhören zu heulen“. Ich dachte mir „Wenn ich es jetzt nicht mache, dann mache ich es nie und dann muss ich mir diesen Traum auch endlich aus dem Kopf schlagen. Ich bin die Einzige, die dafür verantwortlich ist, wie mein Leben nächstes Jahr aussieht.“

Mir das ganze aus dem Kopf schlagen? Das ging nicht mehr.

Also habe ich meinen Mut zusammengenommen und bei meinem Arbeitgeber ein Sabbatical/unbezahlten Urlaub beantragt. Die Reaktion? Naja, sagen wir mal so: aus Arbeitgebersicht stieß das nicht gerade auf große Freudensprünge, aber aus persönlicher Sicht, konnte man meinen Wunsch verstehen und ist ihm schlussendlich auch nachgekommen. Wäre dem nicht so gewesen, wäre ich auch bereit gewesen zu kündigen, darauf hatte ich mich innerlich schon eingestellt. Aber das war dann gar nicht nötig.

Sechs Monate unbezahlte Freistellung wurden mir genehmigt. Allerdings war auch klar, der Job würde nicht auf mich warten. Es blieb bei der unbefristeten Anstellung aber zu Ende meines Sabbaticals musste ich mir eine neue Stelle im Unternehmen suchen. Damit konnte ich gut leben. Immerhin hatte ich dafür ja ein großartiges Vorhaben vor Augen.

Reisepläne schmieden – was macht man mit 6 Monaten Freizeit?

Ich druckte die Weltkarte aus und ließ meinen Helden alle Länder durchstreichen, die er unbedingt noch mit mir gemeinsam bereisen wollte. Der Rest blieb meine Spielwiese. Ich ging meine innerliche Bucket List durch, überlegte, was ich in meinem halben Jahr sehen wollte und so entstand eine grobe Reiseroute. Keine klassische Backpacker Asienrundreise und auch kein Mittelamerika Trip. Sondern viele einzelne Urlaube, mit kurzen Zwischenstationen in der Heimat. Ich wollte ganz viel reisen, aber auch die Möglichkeit haben den Sommer in Berlin zu genießen.

Kaum war die Abschlussarbeit abgegeben und bestanden, bin ich also losgezogen. Für die ersten zwei Wochen, hat mich eine Freundin begleitet, danach war ich viel solo unterwegs (zum ersten mal in meinem Leben). Das war eine tolle Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte. (Warum? Das verrate ich dir hier). Und trotzdem habe ich  mich gefreut, dass mein Held mich zumindest im Rahmen seiner Urlaubstage hin und wieder kurz begleiten konnte.

Sechs Monate, das ist viel Zeit für Abenteuer.

Ich war weit weg (Japan & China) und auch „nah dran“ (Niederlande, Belgien, Schweiz, Frankreich, Prag). Habe unfassbar bizarre sowie schöne Aussichten genossen (Grönland) und so einige erste Male erlebt. Ich habe mich selber mit meinem Mut überrascht, als ich zum ersten mal couchsurfte und trotz Höhenangst mit dem Gleitschirm über die Schweizer Berge schwebte. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie oft ich innehielt und mich einfach nur eine tiefe Dankbarkeit überkam. Dankbarkeit dafür, diese Entscheidung getroffen zu haben. Dafür dass ich ständig Momente erlebte, in denen ich einfach nur ganz tief einatmen und eine detaillierte Aufnahme mit allen Sinnen speichern wollte. Kein Zweifel, die Entscheidung meinen Job eine Weile an den Nagel zu hängen, trotz Beziehung allein auf reisen zu gehen und all mein Erspartes dafür zu opfern – das war das Beste, was ich machen konnte.

Passenger-x in der Provence

Wer es in Zahlen will: In sechs Monaten bin ich exakt 100 Tage gereist.

Viele fragen sich, ob man nach so einer Auszeit nicht total verändert ist, ob man sich überhaupt wieder im 9 to 5 einfindet. Also für mich war wieder zurück zu kehren nicht schlimm. Der Wiedereinstieg in den Job war viel leichter als befürchtet. Den Alltag verlernt man eben nicht.

Doch nicht alles ist wie vorher. Immerhin gibt es da all die Erinnerungen, die bleiben. Manchmal, wenn ich jetzt im Büro sitze und mich was ärgert, dann atme ich tief ein und denke mich zurück, zum Beispiel nach Grönland. Stelle mir vor gerade auf den Eisfjord zu blicken, kühle Luft haucht mir von vorn ins Gesicht, irgendwo da draußen kracht es, als sich ein Riss im Eis bildet, ansonsten ist es einfach nur still. Diese Erinnerungen sind besser als jede Yogastunde.

Ich bin realistisch, immer nur unterwegs sein, das wird für mich nicht funktionieren.

So verlockend das digitale Nomadendasein auf den ersten Blick auch ist, dahinter steckt enorm viel Arbeit, Disziplin und auch eine gute Portion Glück. Mir ist meine Beziehung wichtig und meine Heimat, trotzdem ist mir eines klar geworden: Reisen, ist was mich frei fühlen lässt und dieses Gefühl werde ich nicht mehr aufgeben.

Vielleicht ist das durchgehende Arbeiten bis zur Rente nicht das richtige Konzept für mich.

Vielleicht passt es für mich persönlich viel besser immer wieder ein paar Jahre zu arbeiten, in diesen die Urlaubstage voll auszunutzen und zeitgleich auch das Sparkonto so gut es geht zu füllen, um dann den Job zurück zu lassen und wieder eine Weile am Stück zu reisen. Da draußen gibt es 170 Länder und davon habe ich unzählige Orte noch nicht entdeckt.

Also verstaue ich den Backpack gar nicht erst im Schrank und schmiede einfach schon mal die nächsten Reisepläne…

Alles in allem war ich bisher in 28 Ländern und 85 Orten. Du willst genau sehen, was ich dort erlebt habe und die besten Tipps abstauben? Kein Problem! Einfach auf ein Land klicken und alle Artikel plus Videos angezeigt bekommen. (mobil zweimal klicken)

Nicoles Welt Placeholder
Nicoles Welt

5 Kommentare

  1. Victoria

    13. Januar 2017 at 5:20

    Liebe Nicole,
    ich finde es immer sehr spannend andere Lebensgeschichten zu lesen, vor allem da wir ja auch keinen „normalen Weg“ gehen. Es gibt einfach so viele verschiedene Lebensmodelle und du zeigst, dass man seinen Träumen nachkommen kann ohne gewisse Sicherheiten aufzugeben. Super gemacht. Ich wette diese 6 Monate haben dich extrem stark gemacht und dir eine innere Sicherheit und Klarheit gegeben. Du wirst bestimmt immer wissen was du brauchst und auch nicht davor zurück schrecken deinen Weg zu gehen. Ich wünsch dir alles Gute und lese gerne weiter deine Abenteuer.

    Viele Grüße
    Victoria

  2. Katja vom WellSpa-Portal

    12. Januar 2017 at 15:34

    Liebe Nicole,
    wirklich spannend so über Deine Erfahrungen zu lesen.
    Was ich persönlich für mich am besten nachvollziehen kann, dein Satz: „Ich bin realistisch, immer nur unterwegs sein, das wird für mich nicht funktionieren.“ So gern ich unterwegs bin, so sehr freue ich mich auch immer wieder auf mein zuhause und das zurück kommen.
    Liebe Grüße
    Katja

  3. Monika and Petar Fuchs

    12. Januar 2017 at 10:15

    Ich kann Dich sehr gut verstehen, Nicole, denn dieselbe Entscheidung musste ich vor vielen Jahren nach meinem Studium auch treffen. Allerdings habe ich mir damals dann einen Beruf ausgesucht, der mich jahrelang durch die Welt geführt hat. Das Reisen hat mich nie losgelassen. Bis heute bekomme ich nicht genug davon. Hat man einmal die Faszination fremder Kulturen und Länder geschnuppert, will man immer mehr davon. So jedenfalls geht’s mir. Und mein „Held“ hat mich zunächst jahrzehntelang unterstützt und reist jetzt seit vielen Jahren selbst mit.

  4. Christian | ChrisCat unterwegs Reiseblog

    12. Januar 2017 at 8:48

    Da hattest du ja wirklich Glück, das du einen Arbeitgeber hast der ein Sabbatical zulässt. Für meine Verlobte & Mich wäre es auch ein Traum irgendwann einfach mal 6 Monate frei zu sein, und die Welt zu sehen. Momentan haben wir damit jedoch kein Glück. Daher müssen die regulären Urlaubstage ausreichen. Diese reichten 2016 immerhin für Kanada, Lissabon & Schweden & 2017 sehen wir Rom, Schottland und ein noch ungewisses Ziel.
    Uns ist Sicherheit jedenfalls zu wichtig, um unsere Jobs zu kündigen & zu reisen. Wir hatten beide auch einen schweren Einstieg in das Berufsleben, und sich froh das wir beide was festes haben.

    Viele Grüße

  5. Anke

    12. Januar 2017 at 8:48

    Hallo Nicole!
    Wow – 100 Tage in 6 Monaten! Echt cool… Und Reisesucht ist ja eher eine gesunde Sucht, wie ich finde!

    Sag bescheid, wenn du mal in Wien vorbeikommst 🙂

    LG Anke

Kommentar hinterlassen