Reisen, Solo Reisen

Warum alleine reisen nicht einsam macht – Neun Menschen, die ich traf

Der Mythos „Alleine Reisen“ scheint gerade ein Trendthema zu sein. Zum einen geht es immer wieder um die Frage, ob es nicht unheimlich mutig sei, allein zu reisen. Glaubt man doch, einem würden allein deutlich mehr Gefahren drohen. Zum anderen geht es aber auch immer wieder um die Frage, des einsam Seins.

Alleine Reisen macht einsam!

Niemand da, um die vielen schönen Momente zu teilen. Um darüber zu sprechen, wie romantisch der Sonnenuntergang ist, wie gut das Essen schmeckt, wie herrlich die Felder duften, wie erfrischend das Meer ist. Das kann man doch nicht wirklich wollen.

Quatsch!

Ich bin in China zum ersten Mal allein gereist. Das war sicher nicht der einfachste Start und trotzdem bereue ich es nicht. Klar, ich liebe Roadtrips mit meinem Freund und ich habe auch mit Freundinnen unheimlich viel Spaß auf Reisen. Doch das Alleine Reisen hat auch große Vorteile. Das es mich mutiger macht, hatte ich schon erzählt. Besondere Momente erlebe ich sogar noch intensiver als zu zweit, weil ich mich ganz auf mich und meine Umgebung konzentrieren kann.

Aber vor allem fühle ich mich nicht einsam, weil ich es selten wirklich bin.

Während all meiner Reisen habe ich unheimlich viele coole Leute kennengelernt. Durchs Couchsurfen, aber auch in Hostels. Manchmal habe ich mich nur einen Abend lang gut unterhalten, von Zeit zu Zeit ein paar Stunden und einige Male sogar ein paar Tage miteinander verbracht.

Nicht jede/r war 100% meine Wellenlänge. Und doch habe ich bei jeder dieser Begegnungen etwas dazu gelernt. Über einen anderen Menschen und seine Einstellung, Hobbies, Reisen, über die Kultur und auch die Heimatländer. Das fand ich unheimlich spannend und inspirierend und wer weiß, vielleicht werde ich manch eine/n auch noch einmal wieder sehen. Ob in Deutschland oder der Welt. Ohne das Alleine Reisen hätte ich sie sicher nicht kennengelernt und das wäre wirklich schade gewesen.

Und weil mich diese Menschen nachträglich so begeistert haben, will dir heute ein bisschen von ihnen erzählen.

Was sind das für Leute, die man trifft, wenn man alleine reist? Wer begegnet einem in Schlafsälen? Wo kommen die her und wieso reisen die auch allein? Die kurze Antwort ist: das sind meist Menschen, wie du und ich. Manchmal zurückhaltend und manchmal auch laut und rücksichtslos, meist sind es aber aufgeschlossene und super nette Backpacker/innen. Und für die lange Antwort, damit du dir ein richtiges Bild machen kannst, möchte ich dir ein paar von ihnen persönlich vorstellen.

Alleine Reisen, Begegnung Nummer 1:

Aidan aus Gibralta, der auf Reisen ging, weil sich in seinem Leben so viel verändert hatte, dass er einen Bruch brauchte. Wie wir uns kennenlernten? 4 Bett Zimmer in Tokio. Meine Freundin und ich waren ein paar Stunden zuvor angekommen, es war die erste Nacht. Ich bin endlich eingeschlafen, da wird mitten in der Nacht die Tür aufgerissen und die Leuchtstoffröhre direkt über meinem Bett geht an. Ich schrecke wie eine Furie auf. Die Hostelangestellte wollte dem Neuankömmling sein Zimmer zeigen. Sie schaut mich erschrocken an und fragt, ob sie das Licht anmachen könnte. Ich antworte schlaftrunken und genervt: Das hast du doch schon. Oha, Nicole von ihrer besten Seite. Als sie wieder weg ist, knipst der Neuankömmling schnell das Licht aus. Ich murmel fast weinerlich ein danke. Am nächsten Morgen entschuldige ich mich bei ihm für meine unfreundliche Art und schiebe es auf Schlafentzug und Jetlag. Er lacht und meint ich wäre wie ein Wachhund, das sei schon ok.

Zu diesem Zeitpunkt war er schon lang unterwegs, hatte schon so viele coole Orte bereist und kein Abenteuer ausgelassen. Typisch für Aidan, so wie ich ihn kennengelernt habe: Sein Reisebudget hat er hauptsächlich für’s Schlemmen ausgegeben. Ich werde nicht mehr vergessen, wie er im Hostel in Japan vom Sushi vorschwärmte und voller Begeisterung vom Beef erzählte. Er war meine erste Bekanntschaft in den sechs Monaten Reisen. Unsere Japanrouten kreuzten sich später, als ich allein weiterreiste, noch ein paar mal. Und so trafen wir uns wieder. Damals war er bereits acht Monate allein gereist, inzwischen ist er wieder in seiner Heimat zurück. Schaut doch mal in seinen Blog, da findet ihr viele sehr coole Videos. Und seinen Post zum Aufbrechen, auf Reisen gehen, den Erwartungen dazu und dem nach Hause kommen, kann ich auch nur empfehlen!

Who knows, maybe we will meet again, somewhere in this world, one day while traveling.

Aidan - alleine reisen

Alleine Reisen, Begegnung Nummer 2:

Ich saß in Rotterdam in der Hostelküche und aß mein Müsli. Mir gegenüber saß ein Anfangzwanzigjähriger vor seinem Laptop und schaute immer wieder zu mir rüber. Irgendwann fragte er mich, was meine Pläne für heute wären. Ich meinte, ich wolle zu den Windmühlen nach Kinderdijk. Da grübelte er erst und meinte er müsse etwas für die Uni fertig bekommen. Dabei sah er nicht besonders überzeugt aus. Ganz klar, er suchte eine gute Ablenkung von seinem To Do. Ich bot ihm an mitzukommen, er müsse sich nur beeilen, in 10 Minuten hieß es auf zur Fähre. Da verschwand David aus Honduras fix, um den Laptop wegzubringen und die Jacke zu holen. Und so kam es, dass wir uns zusammen die Windmühlen anschauten und dabei über Honduras, seinen Glauben an Gott und seine Start-up Idee sprachen. Immer wieder wundervoll, wie man mit bis eben noch Fremden schnell eine Ebene findet und statt nur oberflächlichen Small Talk zu halten, ganz viele spannende Themen besprechen kann. Ganz egal welches Alter, Geschlecht oder welche Herkunft. David bleibt mir im Gedächtnis, als junger Mensch mit einer großartigen sozialen Einstellung und der Begeisterung für eine sehr gute Idee.
David, my fingers are crossed for your start-up!
David - allein reisen CicoBerlin

Alleine Reisen, Begegnung Nummer 3:

Im gleichen Hostel an einem anderen Abend kam ich mit Oleg ins Gespräch. Ein in Shanghai lebender Russe, der der sprachbegeistertste und -begabteste Mensch ist, der mir je begegnet ist. Nur aus Spaß fing er an, aus meinem Blog auf Deutsch vorzulesen. Irre.

Alleine Reisen, Begegnung Nummer 4:

Nuno, arbeitet im Hostel in Rotterdam, ist Portugiese und erst seit zwei Jahren in den Niederlanden. Als gebürtiger Küstenmensch, ist er natürlich Surfer. Als ich ihn fragte, warum er in Rotterdam sei, erzählte er, dass er eigentlich Künstler sei. Da begannen seine Augen zu strahlen. Er zeigte mir einige seiner Canvas und Graffittis auf dem Handy und die waren echt richtig gut! In Amsterdam, so sagte er mir, solle es zukünftig das größte Graffitimuseum der Welt geben und er würde dort auch ein Werk ausstellen dürfen. Wie geil ist das denn?

Alleine Reisen, Begegnung Nummer 5:

Julie, die 32 jährige Kanadierin aus Montréal, traf ich in einer Situation, in der ich eigentlich stinksauer war. Denn ich stand vorm Boarding für den Flug nach Berlin in Amsterdam und konnte nur hoffen noch mit zu dürfen. Der Flieger war überbucht und da ich nicht online eingecheckt hatte, erklärte mir die Stewardess: „Selber Schuld, es steht in unseren AGBs, dass sowas passieren kann. Sie müssen warten und hoffen, dass jemand, der schon eingecheckt hat, nicht erscheint.“ Also stand ich da, Warteplatz 1 und hoffte noch mitzukönnen. Da tauchte Julie auf. Warteplatz 0. Das gleiche Schicksal. Und so kamen wir ins Gespräch. Verstanden uns super, lachten direkt. Sprachen darüber, was sie in Kanada beruflich treibt und fanden viele absurde Parallelen. Das machte nicht nur die Wartezeit angenehmer, sondern inspirierte mich auch für meine Zukunftspläne. In Berlin haben wir uns wieder getroffen und zusammen einen echt coolen Nachmittag verbracht. Mit Julie ist es leicht warm zu werden und so unfassbar lustig. Wir werden in Kontakt bleiben. Die kleine verrückte coole Kanadierin und ich.

Julie, you little unicorn, I send you a big hug.

Julie - alleine reisen CicoBerlin

Alleine Reisen, Begegnung Nummer 6:

Gerade in Lausanne angekommen und ins Hostel eingecheckt. Erst einmal Gepäck im Frauenschlafsaal ablegen. Tür auf, da strahlt sie mich auch schon erwartungsvoll an: Kelly, 24 aus Californien. Die große Brünette, mit der perfekten Figur und einer unfassbaren Ausstrahlung. Sie sitzt auf ihrem Bett, auf dem Schoß ihren Laptop, schaut den amerikanischen Bachelor. Aus Verzweiflung. Denn Genf, gäbe leider nicht viel her und das Wetter sei auch noch schlecht. Recht hat sie. Zwei Monate reist sie durch Europa, hat gerade ihr Studium in Geophysik abgeschlossen und den Job auch schon in der Tasche. Alleine Reisen wollte sie eigentlich nicht, aber da ihre Freunde nicht mitkommen konnten, blieb ihr nichts anderes übrig. Und so tourt sie eben allein. Anschluss finden wird ihr nicht schwer fallen, bei dem fröhlichen Gemüt. Unsere Wege trennen sich leider schon am nächsten Tag. Schade, mit ihr hätte ich sicher auch eine gute Zeit gehabt.

Alleine Reisen, Begegnung Nummer 7 und 8:

Länger begleiteten mich zwei andere Mädels aus dem gleichen Zimmer in Genf. Emily und Olivia. Blutjunge 19 aus Montreal. Sie reisen mit mir gemeinsam nach Lausanne, haben das gleiche Hostel gebucht. Die beiden studieren und sind Rugbyspielerinnen und das aus Leidenschaft. Sportlich sportlich. Ich ließ mir das Spiel erklären und das Grinsen war nicht zu übersehen, als ich erstaunt nachfragte, ob Emily wirklich Leute aufhalte, sie sei ja nicht sooo groß. Ja, aber wie! Sie sei eine  richtige Wand. Olivia nickte ihrer Freundin stolz bestätigend zu. Emily denkt darüber nach, nach Europa zu ziehen, wenn das Studium beendet ist, wieso nicht nach Frankreich gehen? Mit den beiden erkundete ich Lausanne, suchte den Aussichtsturm und versank auf dem Weg dorthin im Matsch. Das hat man davon, wenn man Maps.me die Wegführung anvertraut und deshalb auf den kleinen Trampelpfaden landet. Man kann sich seine Abenteuer ja einfach selber basteln. Spaß hats gemacht, mit den beiden verrückten Hühnern.

Emily und Olivia - alleine reisen CicoBerlin

Alleine Reisen, Begegnung Nummer 9:

Lee aus Oregon Portland, ist „nurse“ und 28 Jahre alt. Er schwärmte davon, dass es in Portland das beste Essen gäbe. Als ich ihn fragte, was denn so besonders sei, meinte er: „Bei uns gibt es alles, was du woanders auf der Welt auch bekommst, nur besser. Das gilt auch für Wein und Bier.“ Er war für zwei Wochen in der Schweiz, vor allem um mit einem Freund den Mont Blanc zu wandern. Asien interessierte ihn nicht, er sei ja schon dort gewesen. Wo? Na in der Schweiz. Hä? Na Eurasien. Das ist doch alles eins. So ein kleiner Kontinent. So so. Da fühlt man sich als Europäerin doch ein wenig angegriffen. Viel Begeisterung für andere Länder hatte er nicht übrig. Umso mehr für Portland. „Komm mal nach Portland, du kannst bei mir pennen. Dann wirst du selber sehen, dass wir das beste Essen haben.“ Der Moment, in dem seine Augen strahlten? Als er vom Wandern und seiner Hündin Bokeh erzählt. Die hätte sogar einen eigenen Instagaccount.

Lee - alleine reisen CicoBerlin

Das sind nur neun der Menschen, die ich traf und es waren deutlich mehr. So wie mich Nuno inspirierte mal wieder zu Malen, weckten andere in mir das Interesse zu Singen, die Neugierde auf andere Länder, das Verständnis für andere Kulturen oder auch Lust wieder regelmäßiger Sport zu machen. Ob Couchsurfinghosts oder Hostelzimmergenossen, ich hatte viele Gelegenheiten, mich gut zu unterhalten oder auch etwas zusammen zu unternehmen.

Alleine Reisen führt also noch lange nicht dazu, dass man einsam ist. Wer aufgeschlossen ist und Interesse an anderen Reisenden zeigt, der muss nie lang allein sein und kann richtig großartige Menschen kennenlernen.
Orte, die ich bisher allein als Frau bereist habe: 

Die nächste Reise steht bald an und überlegst noch, welchen Rucksack du am besten kaufst oder welche Hygieneartikel wohl am wenigsten Platz wegnehmen? Lass dich doch auf meiner Equipment- & Toolseite inspirieren. Dort verrate ich dir auch, welche Kamera ich auf Reisen nutze. Und wenn du dann alles hast, hilft dir meine Packliste auch nichts zu vergessen.

4 Kommentare

  1. Candy

    30. August 2016 at 15:08

    Ach, wie schön!
    Ich bin mir fast sicher, dass du so endlos hättest weiter schreiben können, oder? 😉
    Ich finde es auch immer faszinierend, was andere Menschen so mit uns, unseren Gedanken, unserem Antrieb anstellen können. Man muss nur mal sein Herz öffnen, den Alters- oder Kulturunterschied vergessen und schon kann man wunderschöne Momente mit doch eigentlich Fremden verbringen. Toller Artikel, der schön beschreibt, dass sich Offenheit auszahlt!

    1. cicoberlin

      30. August 2016 at 15:16

      Hey Candy,

      absolut, ich hätte in der Tat noch ewig schreiben können. Du hast verdammt recht: man muss nur sein Herz öffnen und Schubladen zu lassen, dann ist man immer wieder erstaunt, wie viele tolle Menschen es gibt und wie einen selbst das bereichert. Ich würde sagen, darauf stoße ich heute Abend doch mal mit einem Glas Wein an und sende Grüße an alle, die das genauso sehen:)
      LG
      Nicole aka CicoBerlin

  2. Kuno

    30. August 2016 at 13:27

    Das ist wirklich ein schöner Artikel. Besonders da du dich noch mal an all diese besonderen Menschen erinnerst. Ich sehe das mit dem alleine reisen genauso wie du. Man ist tatsächlich nicht einsam und lernt so viele tolle und inspirierende Menschen kennen, das ist der Wahnsinn. Außerdem geht man viel offener auf Leute zu und lernt auch schneller Einheimische kennen.
    Liebe Grüße und weiterhin ganz viel Spaß beim Reisen 🙂

    1. cicoberlin

      30. August 2016 at 14:02

      Hey Kuno,

      freut mich, dass du das alleine Reisen genauso toll erlebst, wie ich. Mir persönlich gibt es ein unheimlich optimistisches Bild für diese Welt, wenn ich sehe und erlebe, dass so viele aufgeschlossene und interessierte Menschen unterwegs sind:) Und wer weiß, vielleicht trifft man sich irgendwann mal zufällig in einem Hostel irgendwo auf dieser bunten Welt:)
      LG
      Nicole aka CicoBerlin

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