Reisen, Sabbatical

Sabbatical Interview mit Stefanie: Wenn das Reisen einfach alles ändert

Stefanie hat sich gleich zweimal eine Auszeit gegönnt. Und die haben sie verändert. So sehr, dass sich Freunde und Familie schon fast gesorgt haben. Was nach dem Reisen anders war als vorher und welche Orte sie besonders beeindruckt haben, das verrät sie dir im Interview.

 

Frage 1: Wie kam es zu der Idee ein Sabbatical zu machen?

Während meines Studiums war ich für ein Semester in Barcelona. Dabei hatte ich angefangen die Ferne zu lieben und mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich mehr von unserer schönen Erde sehen wollte. So kam es dann auch, dass ich anfing, über eine längere Reise nachzudenken. Also musste ich nur noch abwarten, bis ich mein Studium beendete und dann ging es auch schon los.

 

Frage 2: Wie lange vorher hast du das Sabbatical bei deinem Arbeitgeber angekündigt und wie hat man dort reagiert?

Da ich zur Zeit der Entscheidung noch Studentin war, hatte ich keinen „echten“ Arbeitgeber. Ich hatte als Freelancer bei einem Unternehmen gearbeitet. Ich hatte mir allerdings schon Gedanken darüber gemacht, bei diesem Unternehmen nach dem Studium weiter zu arbeiten. Also teilte ich meinem ‚Chef‘ mit, dass ich für einige Monate auf Reisen gehen wollte. Seine Reaktion war super, denn er sagte zu mir: „Das freut mich für Sie, wenn Sie wieder zurück kommen, können Sie sicher sein, dass Sie ihren Arbeitsplatz wieder vorfinden werden“. Tip Top dachte ich mir, dann ist also auch die Rückkehr gesichert.

 

Frage 3: Wann und wie lange hast du dein Sabbatical genommen?

Im Prinzip nahm ich ganze zwei Male das Sabbatical in Anspruch. Das erste Mal war 2011. Ungefähr vier Tage nach Bestehen meiner Masterarbeit ging es für drei Monate los. Viel zu kurz, ganz klar, ich hatte das ganze absolut unterschätzt. Am Ende hatte ich Stress, weil ich zu viele Verabredungen hatte und dadurch einem zu straffen Zeitplan hinterher jagte. Als ich wieder zurück in Berlin und im Job war, war mir klar, dass ich nochmal eine Auszeit nehmen wollte. Also suchte ich direkt das Gespräch mit meinem ‚Chef‘. Ich erzählte ihm, dass ich noch einmal los wollte, dieses Mal länger. Auch dieses Mal hatte sich mein ‚Chef‘ wieder als äußerst sozial gezeigt. Er sah absolut kein Problem darin, dass ich noch einmal weg wollte und bot mir an, nach meiner Rückkehr zumindest den ersten Monat bei ihm arbeiten zu können. Ich hatte sechs Monate um Geld zu verdienen und zu sparen. Sechs Monate durcharbeiten, um für weitere sechs Monate zu reisen. Das lief super. Also ging es 2012 wieder los. Dieses Mal ging ich es entspannter an. Keine Verabredungen, einfach nur reisen.

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Frage 4: Wo warst du überall und was waren deine Highlights?

In meinen drei Monaten in 2011 hatte ich mir einfach zu viel in zu kurzer Zeit vorgenommen. Total naiv stürzte ich mich in diese Reise, aber auch das war eben eine Erfahrung. In diesen drei Monaten war ich in Süd-, Zentral- und Nordamerika.

In Peru war mein Highlight auf jeden Fall der Machu Picchu bzw. die Aussicht vom Wayna Picchu auf den Machu Picchu. Grandios! Die ganze Inka-Kultur haut einen einfach um. Wir sind viel gewandert und ich bin das erste Mal an meine körperliche Grenze gekommen.

Zu Kolumbien habe ich damals eine Hassliebe aufgebaut. So schön es war, so erschrocken hat mich dieses Land zugleich. In Bogota habe ich bei einer Familie gewohnt, die etwas besser situiert war und mich wie ein rohes Ei behandelt hat. Ich hatte zwar ein eigenes Zimmer mit Bad, aber ich durfte nur in Begleitung eines Fahrers unterwegs sein. Alleine wäre zu gefährlich gewesen, meinten sie. Andererseits empfand ich Medellin als sehr anstrengend, da mich die Leute anstarrten. Klar, ich bin weiß und eine Frau, da fragen sich einige in diesen Ländern sowieso, was ich dort allein tue, aber dort war es besonders heftig. Menschen blieben stehen, zeigten mit dem Finger auf mich und starrten mich an, als wäre ich ein Affe im Zoo. Unangenehm. Auch war Kolumbien das erste Land, in dem ich mich nicht richtig sicher gefühlt habe. Natürlich gab es auch viele schöne Seiten. Ich habe mir vorgenommen, dem Land eines Tages eine zweite Chance zu geben.

Weitere Highlights in Panama, Costa Rica, Nicaragua und El Salvador waren sicherlich die einzigartige Natur sowie die Kultur, die in jedem dieser Länder ganz unterschiedlich war. Auch hier habe ich wieder entweder in Hostels übernachtet oder konnte via ‚Couchsurfing‘ bei Einheimischen übernachten. Gerade in Costa Rica hat sich das richtig ausgezahlt, denn ich übernachtete bei einheimischen Tourguides und so konnte ich alle Touren umsonst mitgehen. Heiße Quellen, Vulkan, Dschungel.

Ich flog weiter nach New York, von wo es vier Wochen auf Tour nach Washington, Chicago und Woodstock ging.

In meinen sechs Monaten in 2012 war Start und Ende Mexiko City. Von Mexiko bin ich über Belize, nach Guatemala, nach Honduras und Nicaragua gekommen. Mein absolutes Highlight hierbei war Guatemala. Ich glaube hier habe ich mich selbst richtig kennengelernt. In Guatemala ist um den Lago de Atitlán eine ganz besondere Atmosphäre. Es ist irgendwie magisch und voller Liebe.

Auch in Nicaragua gab es ein ganz besonderes Highlight. Dort bin ich in einer Kommune gelandet. San Ramón liegt irgendwo abgeschieden und genau dort lebte ich in einem Art ‚besetzten‘ Haus. Auf Bambus und Matratzen schliefen wir. Bohnen sortierten und kochten wir selbst und ließen die Seele baumeln. Das Haus war aber nicht nur ein Wohnort. Es gab eine Art Mission, bei der sich alles um die Kinder des Ortes, um Kunst und unsere Umwelt drehte.

Über El bin ich dann zurück nach Guatemala und unterstützte dort ein Bildungsprojekt namens ProBiGua. Dabei fuhr ich mit einem Bibliotheksbus zu den öffentlichen Schulen, um den Kindern dort mehr Möglichkeiten zu bieten, lesen zu lernen. Die Analphabetenrate in Guatemala ist leider sehr hoch und die öffentlichen Schulen haben wenig bis gar kein Geld, um Bücher zu kaufen.

Am Ende der sechs Monate bin ich noch einmal an einen tollen Ort in Mexiko: Mazunte! Dort wollte ich alles ausklingen lassen und mich so langsam von diesem Sabbatical verabschieden. Leider kam ein Orkan und ich wurde vom Militär evakuiert. Ich hatte Todesangst. Schlussendlich hat mich das wieder um eine Erfahrung reicher gemacht.

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Frage 5: Was hat dich das Sabbatical gekostet?

Ich hatte beide Male im Durchschnitt ca. 1.000 € pro Monat eingerechnet. In diesen 1.000 € pro Monat war alles inbegriffen: Flüge, Reisekosten, Essen und Übernachtungen.

Frage 6: Was hat sich nach dem Sabbatical für dich verändert/ Wie war es zurückzukommen?

Alles! Nach der Reise in 2012 war alles anders. Ich hatte alle neuen Eindrücke auf dieser Reise aufgesogen und fühlte mich unterwegs richtig wohl. Ich lernte den Weltschmerz, aber auch die universelle Liebe kennen und nahm beides mit nach Hause.

Angekommen in Deutschland hatte ich so etwas wie einen Kulturschock der eigenen Kultur. All das, was mir vorher wichtig war, schien plötzlich total belanglos. Es war mir fremd. Diese vielen unnatürlichen Eindrücke, der Konsumwahn, all das Oberflächliche unserer ‚Kultur‘ war mir zu viel. Ich glaube zu dieser Zeit hatten einige Freunde und Familienmitglieder Angst um mich! Nach einiger Zeit begann ich mich zu sortieren, mich zu fragen, warum ich existiere und was mein Weg sein könnte. Ich fragte mich, ob ich in dieser wahnsinnigen Gesellschaft weiter leben kann oder aber so schnell wie möglich ganz aussteigen müsste, um Frieden zu finden. Nun, ich bin immer noch in Deutschland bzw. Berlin, aber es hat sich so einiges geändert in meinem Leben. Heute ist meine Sicht auf die Dinge wieder etwas klarer. Es gibt tatsächlich viel zu tun, aber mir ist auch klar geworden, dass ich in einer privilegierten Situation bin. Unsere Gesellschaft hat eine soziale Seite und die sollten wir bewahren.

Mein Fokus liegt heute viel mehr auf Umweltschutz und gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Vor zwei Jahren habe ich angefangen einen Blog (www.alttrifftneu.de) zu schreiben. Darin verarbeite ich auf meine Weise meine Ansichten bzw. stelle kreative Lösungsvorschläge für den Alltag vor, wie beispielsweise alles rund ums Upcycling.

 

Frage 7: Würdest du es wieder tun?

Ich würde es immer wieder tun. Ich spiele sogar schon länger wieder mit dem Gedanken, wieder los zu ziehen. Damals war ich hauptsächlich alleine unterwegs, was großartig war. Alleine lernt man sich noch einmal ganz anders kennen. Heute habe ich einen wunderbaren Freund an meiner Seite, wir waren schon ein wenig zusammen unterwegs, aber länger als vier Wochen waren bisher nicht drin. Ich glaube, ich kann ihn so langsam davon überzeugen, eine längere Reise zu riskieren. Ich möchte beim nächsten Mal alle Eindrücke und Erlebnisse teilen können und ich weiß, er ist der perfekte Mensch für mich und für solch eine Reise.

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Letzte Frage: Hast du einen Tipp für die, die noch überlegen, ob sie ein Sabbatical machen sollen?

Einfach machen! Es lohnt sich immer!!!

Wenn man alleine ist, alleine losgehen. Am Ende ist man sowieso nicht alleine J UND ganz wichtig: Achtet immer auf unsere kleine Erde, wir haben nur diese eine! <3

 

Dauer Sabbatical: das erste Mal 3 Monate und das zweite Mal 6 Monate

Regelung Arbeitgeber: freigestellt mit Rückkehrgarantie

Reiseziele: Süd-, Zentral- und Nordamerika.

 

Stefanie, auch Sternchen genannt, hat Architektur studiert, aber als Architektin nie Fuß gefasst, was wohl u.a. an den Folgen des Sabbatical lag. Macht ihr aber nichts. Nach all dem Reisen hat sie sich entschlossen das Leben ein wenig anders anzupacken und sich verstärkt für bewusstes Leben und Umweltschutz zu interessieren. Auf ihrem Blog “Alt trifft Neu” verrät sie nützliche Tipps und Upcycling-DIY-Ideen. Schau doch mal rein.

 

Weitere Artikel aus der Sabbatical Interview Reihe:

In drei Monaten um die Welt mit Judith und Daniel

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Ein Jahr, 4 Kontinente, 20 Länder – das Sabbatical von Claudia und Dominik

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2 Kommentare

  1. Stefanie

    12. April 2017 at 18:02

    Das ist wirklich toll geworden. Vielen lieben Dank dafür <3

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