Nordamerika, Reisen, USA

Reisetraum Amerika oder wie der „Ami“ so tickt

von Björn Leffler

Ich bin ja überhaupt kein Freund von Pauschalisierungen oder Klischees. So gar nicht. Deshalb ist es auch schwierig, darüber zu schreiben, wie er denn eigentlich so ist, der Amerikaner.

Dennoch, wenn mich trotzdem jemand fragt, was denn den Durchschnitts-Amerikaner so ausmacht, dann fällt mir spontan sein ausgeprägter Patriotismus ein. Auf den ersten Blick sind Europäer und Amerikaner ja gar nicht so unterschiedlich. Durch die massenhafte Einwanderung der Europäer in den vergangenen Jahrhunderten könnte man auf die Idee kommen, in den U.S.A. werden die angelsächsischen Traditionen fortgeführt, auf einem anderen Kontinent zwar, aber im Geiste des Abendlandes.

Aber nein. So gar nicht. Bei meinen vier Besuchen in den U.S.A., die mich zwischen 2010 und 2015 an die Ost- und die Westküste sowie den Südwesten des Landes geführt haben, habe ich immer wieder erlebt, wie tief die zum Teil völlig unkritische Begeisterung für das eigene Land in der Ur-DNA des Amerikaners verwurzelt ist.

Das fängt schon beim Besuch von Sportstätten an. Beim letzten Besuch im Sommer dieses Jahres besuchte ich in Phoenix ein Baseball-Match der Arizona Diamondbacks. Vor der Partie herrschte an den unzähligen Verkaufsständen geschäftiges Treiben, aber plötzlich kam alles Gewusel schlagartig zum Erliegen, die Basecaps wurden vom Haupt gezogen, es wurde andächtig der Nationalhymne gelauscht, die im Stadioninnern gerade acapella intoniert wurde. Dann tosender Beifall, zustimmender Jubel, und weiter ging das fröhliche Konsumieren. Aber während der Hymne – Andacht bitte!

citi field, New York City

Gleiches Bild zehn Tage später in Queens, New York City, beim Spiel der New York Mets gegen die – reiner Zufall – Arizona Diamondbacks. Wer der Meinung ist, dass sich die Situation 2.500 Meilen weiter östlich in der Hochburg des aufgeklärten Amerikas anders darstellt, täuscht sich. Nicht nur die Nationalhymne wird inbrünstig beklatscht, auch der „Veteran of the Day“, der in einer der – sehr zahlreichen – Spielpausen des Baseballspiels vorgestellt wird, wird mit Standing Ovations bedacht. In diesem Falle war es ein Afghanistan-Veteran der U.S. Army, der soeben in die Heimat zurückgekehrt war. Ähnliches hatte ich bereits vor ein paar Jahren bei einem NFL-Spiel im Metlife-Stadium in New York erlebt. Auch hier erhob sich das Publikum, um dem militärischen Helden zu huldigen, immerhin 85.000 (!) Zuschauer.metlife stadium, new york

Hymne und Veteranen, ohne scheint es nicht zu gehen im amerikanischen Profisport. Selbst bei unbedeutenden Eishockey-Vorbereitungsspielen (New York Rangers, Madison Square Garden) oder NBA-Matches (L.A. Lakers, Staples Center) wird die Hand an die Brust gelegt, wenn irgendeine Singdrossel mal wieder „the Home of the Brave“ trällert. Nach welchen Kriterien die jeweiligen, zumeist weiblichen Sänger ausgewählt werden, ist mir dabei recht schleierhaft, aber das ist ja auch egal. Hauptsache es ist theatralisch und schmalzig.

CIMG5304

Aber auch abseits von Sportarenen zeigt der Amerikaner gern, was eine patriotische Harke ist. Beim letzten Besuch kam ich auch durch das Örtchen Flagstaff in Arizona, auf der Route 66, es war der 4. Juli, Nationalfeiertag. Wie im Kinofilm war die ganze Stadt in blau, weiß und rot gehüllt, Höhepunkt des Tages war selbstredend die „4th of July Parade“, wo Feuerwehrleute, Parkranger oder Weltkriegsveteranen auf schweren Vehikeln auf der Main Street durch die Menge gekarrt wurden. 4. Juli, Flagstaff, ArizonaSelbst der Mormonen-Friedhof in Kanab, Utah, den ich einen Tag später besuchte, war noch mit 24 U.S.-Flaggen, dem „Star spangled Banner“, geschmückt.

Friedhof - Kanab, Utah

Man stelle sich das einfach mal übertragen auf Deutschland vor. Dass beim Heimspiel von Hertha BSC der „Veteran des Tages“ geehrt wird, ein Bundeswehrsoldat, frisch aus dem Kosovo heimgekehrt, von stehenden Ovationen des Publikums begleitet. Oder ein Friedhof in Friedrichshain, der am Tag der deutschen Einheit, dem 3. Oktober, schwarz-rot-gold beflaggt wird.

Eine irgendwie völlig skurrile Vorstellung. Nun ist es natürlich zweifelsohne so, dass Deutschland ein Staat ist, der eine noch immer schwierige Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalstolz und nationale Identität führt. Dennoch ist das Ausmaß des Nationalstolzes, der einen in den U.S.A. förmlich überrollt, immer wieder befremdlich. Kritische Selbstreflektion ist nicht unbedingt die Stärke des Amerikaners. Hier kann man sogar mal ein klein wenig verallgemeinern. Aber bitte nur ein klein wenig.

Björn Leffler, 32, wohnt Zeit seines Lebens in Berlin und ist seit über zehn Jahren glücklicher Friedrichshainer. Beruflich ist er im Medienbereich tätig und privat betreibt die Seite „DER PANENKA“. Seine bisher vier Urlaube in Übersee führten ihn unter anderem nach New York, Boston, Washington, Toronto, L.A., San Francisco oder Denver. Auf CicoBerlin tritt er in unregelmäßigen Abständen als Gast-Autor auf, wobei er sich durch seinen dezent ironischen bisweilen sarkastischen Stil auszeichnet.

Björn Leffler

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