Berlin, Björn Leffler

Theaterrezension: “Westberlin” ein Stück Berliner Geschichte von Reinald Grebe

Rainald Grebe kenne ich persönlich eher aus – sehr zu empfehlenden – Solo-Konzerten am Klavier und – nicht weniger zu empfehlenden – Konzerten mit seiner Kapelle der Versöhnung. Als Theaterregisseur war er mir bislang nicht aufgefallen. War auch nicht ganz einfach, schließlich hat er mit der Inszenierung seines Stücks „Westberlin“ kunstschafferisches Neuland betreten. Es ist seine erste Regie-Arbeit am Theater, und dann gleich an der renommierten Schaubühne. 

Als ausgemachter Grebe-Liebhaber wollte ich mir das nicht entgehen lassen. Was hat der Rheinländer, der seit 1990 immer nur im Osten Berlins gelebt hat, über Westberlin zu erzählen? Allein schon die Schreibweise… heißt es nicht eigentlich „West-Berlin“?

Nun gut, halten wir uns nicht mit Spitzfindigkeiten und Haarspaltereien auf. Das tut nämlich auch Rainald Grebe nicht. Im Eiltempo rast er in rund 2 Stunden und 15 Minuten durch die wechselhafte Geschichte der ummauerten Stadt, von den Rosinenbombern der Nachkriegsjahre bis zur Hausbesetzter-Szene der frühen und späten 80er. Wer jetzt eine abgedroschene Geschichtsstunde mit langweiligen Dialogen erwartet, der kennt den Grebe offenbar schlecht. Der hat nämlich nicht nur professionelle Schauspieler engagiert, sondern auch richtige, waschechte West-Berliner, die als Zeitzeugen dabei waren und intelligent wie gekonnt ins Stück eingewoben werden. Man merkt es ihnen nur hier und da mal an, dass sie nicht vom ganz professionellen Fach sind, das Stück bereichern die Geschichten aus dem Alltag, die zwischen den Szenen eingestreut werden, aber ungemein.

 Und ohne Musik geht es natürlich auch nicht in einem Rainald-Grebe-Stück. So gibt er einmal sogar einen neuen, eigenen Song zum Besten, aber auch die übrigen Stücke wie etwa die gefühlvoll vorgetragene Bowie-Ballade „Helden“ machen aus dem Theaterstück ein mitreißendes und zum Ende hin fast melancholisches Stück Erinnerung an eine Zeit, die wahnsinnig nah und enorm weit weg zugleich erscheint. Juhnke, Pfitzmann, Kranzler, Jubelperser – alles findet seinen Platz!

Grebe selbst taucht immer mal wieder in Nebenrollen auf. Mal schleicht er verkleidet als Nina Hagen durch die Hintergrundkulissen, mal unterbricht er die Handlung und schreit in Stakkato-Manier ein paar Grenzstadt-Thesen in den ausverkauften Saal („Die Mauer war doch nur der Windschutz für den Westen!“), mal tanzt er als Rolf Eden verkleidet mit einer über 80-jährigen Ur-(West-)Berlinerin über die Bühne.

Am Ende des Abends hat man das Gefühl, die wichtigen Stationen der 28-jährigen Episode West-Berlins gesehen und miterlebt zu haben, wobei Rainald Grebe gekonnt die großen und kleinen Dinge zu beleuchten vermag, ohne dabei den Rahmen des Stücks aus den Augen zu verlieren, wie ihm das ja auch in seinem gewohnten Terrain, der Musik, so leichtfertig von der Hand zu gehen scheint.

Eines ist „Westberlin“ jedenfalls nicht: sperrig, verkopft, gezwungen intellektuell. Auch als sporadischer Besucher von Theaterbesuchen hat man große Freude an Grebes Regie-Debüt und fühlt sich in keiner Phase des Stücks gelangweilt oder sogar überfordert. Aus meiner Sicht – und das sah auch der Großteil des Publikum so – ein sehr ordentlicher Einstand als Theaterregisseur!

Wer Interesse hat –  für die Oktober-Vorstellungen sind die Karten bereits so gut wie vergriffen, aber das Stück wird auch im November noch in der Schaubühne laufen.

Text und Foto: Björn Leffler

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