Berlin, Björn Leffler, Unternehmungen

Kantinenlesen: Ich setz auf Liebe!

von Gastautor Björn Leffler

Samstagabend, weniger als 24 Stunden nach den verheerenden Anschlägen von Paris, die mich die Nacht vorm Fernseher verbringen ließen. 24 Stunden nach einem Ereignis, welches einem wieder einmal vor Augen geführt hat, wie fragil und zerbrechlich unser freiheitsliebendes Lebensmodell im Herzen einer europäischen Metropole sein kann. Und wie verletzbar man selbst ist. Wohin also an diesem Abend, um den ausdauernden Schreckensbildern in TV und den Sondersendungen im Radio zu entfliehen? Der Ausflug zum guten alten „Kantinenlesen“ in der Kulturbrauerei war – wie eigentlich immer – die eindeutig beste Wahl.

Das – wie es die Veranstaltung selbst treffend formuliert – „Gipfeltreffen der Berliner Lesebühnen“ findet jeden Samstagabend um 20 Uhr statt, komme was da wolle. Auch am Abend eines Fußball-WM-Finales würde Schirmherr und Ausrichter Dan Richter nicht auf seine Lesebühnen-Show verzichten, die er stets mit einem eigenwilligen wie großartigen Rap beendet, der nochmal alle gelesenen Texte des Abends zusammenfasst.

An diesem Samstag fand sich neben den vorzüglichen Lesern Jakob Hein, Ivo Lotion, Tobias „Tube“ Herre und eben Dan Richter auch der Liedermacher und Autor Manfred Maurenbrecher ein. Maurenbrecher, mehrfacher Träger des Kleinkunst- und Kabarettpreises, eröffnete den stimmungsvollen Abend mit einer musikalischen Version von Hanns Dieter Hüschs Gedicht „Ich setz auf Liebe!“ und setzte damit sehr bewusst sein ganz eigenes Zeichen gegen den Hass der Anschläge von Paris. Dies nahm Jakob Hein direkt auf und verlas seinen offenen Brief an die Terroristen, mit der deutlichen Botschaft: „Ihr könnt mich nicht mehr besiegen!“ Beide Stücke wurden mit großem Beifall der knapp 200 Zuschauer in der prallgefüllten Alten Kantine bedacht, und anschließend war es ein fast normaler Kantinenlesen-Abend, mit brüllend komischen Texten und einer Menge Berliner Lokalkolorit in Thema und Sprache. Nur ein einziges Mal noch, bei einem auch so genannten „Science-Fiction-Text“ von Ivo Lotion, kam das Thema auf die islamistischen Extremisten. Die Vision eines von nicht sehr korantreuen Taliban beherrschten Berlins war einer der großen Lacher des Abends und ein weiteres, gelungenes Ausrufezeichen gegen die menschenverachtenden Ziele von Extremisten und Terroristen.

Wer den Weg zu Dan Richters Lesebühne findet, wird an einem normalen Kantinenlesen-Abend viel Humor, viel Selbstironie und eine ganze Menge (Ost-) Berliner Stacheldrahtcharme finden, was alles in allem eine der erlebenswertesten Kulturveranstaltungen Prenzlauer Bergs darstellt.

Und auch an einem nicht so normalen Abend, wie eben am Samstag, gelang es den Machern, die richtige Antwort auf das Unfassbare zu geben. Dafür dankten ihnen die Besucher am späten Abend nach über zwei Stunden Programm mit einem langen und warmen Applaus, als wollten sie alle sagen: „Ich setz auf Liebe! Euer Hass kann mich mal!“

Alte Kantine in der Kulturbrauerei Berlin

Eingang Knaackstr. 97 (U-Bhf Eberswalder Str.)

Eintritt: 8,- / ermäßigt 5,- Euro

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