Berlin, Björn Leffler

Liebeserklärung an Berlin

Gastbeitrag von Björn Leffler

Für all diejenigen, die auf Großstädte und vor allem auf Berlin schimpfen kommt hier die Liebeserklärung an die Hauptstadt. (Achtung persönliche und polarisierende Meinung)

An welchem Ort der Welt ist es schon perfekt?

Ich habe Städte gesehen, die waren so viel krasser als Berlin, ich finde es noch ganz entspannt hier. Wie das Leben in einer Stadt mit 3,5 Mio Menschen eben ist… Laut, ungemütlich, oft rau, anonym. Ich kenne ja auch die andere Seite, das Leben auf dem Land, auf dem Dorf, es ödet mich einfach an wenn die Zeit still steht und jeder jeden kennt und der Typ von der Ecke schon komisch guckt wenn man mal nicht grüßt. Kenn ich alles. Ich liebe das Land und den Bauernhof meiner Großeltern, aber immer nur auf Zeit.

Ich brauche Berlins Drang nach vorn, seine Wildheit, seine Zerrissenheit, seine Spannungen, seine Kieze, seine Unterschiedlichkeit. Und Berlin hat so großartige grüne Oasen… Der Tiergarten, der Gleisdreieckpark, Volkspark Friedrichshain, Treptower Park und die Seen – es ist alles da für mich. Ich will in einer Stadt leben, in der fette Stadionkonzerte stattfinden und genauso Künstler auftreten, die nicht in Bremen, Hamburg oder Frankfurt spielen. Ich steh absolut auf eine kanadische Sängerin die keiner kennt, seit Wochen höre ich sie. Und am 27.4. sehe ich sie mir in einem winzigen Club für 15€ an. Großartig.

Berliner sind frech und patzig, das kann man lieben oder hassen. Berlin kann einem auf den Sack gehen, einen Nerven und es gibt Tage, da könnte man jeden erschiessen. Aber dieses ganze Gemecker über Berlin und dass die Stadt nichts auf die Reihe kriegt und ständig alles zusammenbricht, das ist einfach die ewig gleiche Leier, die jeder singt. Und die stimmt nicht. Alle machen sich lustig wegen dem Flughafen, in Stuttgart oder in Hamburg. Die kriegen gleichzeitig ihren Bahnhof und Philharmonie nicht fertig. Und während wir einen Flughafen bauen, bauen wir gleichzeitig ein Schloss von gigantischen Ausmaßen auf und an gleicher Stelle eine U-Bahn drunter durch, während direkt nebenan die Staatsoper modernisiert wird. In Berlin werden Wohnungen gebaut als gäbe es kein Morgen, Berlin muss Hunderttausende Flüchtlinge aufnehmen und packt es, es wächst und muss infrastrukturell das aufbauen, was immer mehr Menschen, die hier leben, fordern: Schulen, Kitas, Verkehrswege. Am Hauptbahnhof wird ein ganzes Stadtviertel aus der Erde gestampft, so groß wie Hermsdorf. Es sind im letzten Jahr 44.000 Jobs in Berlin entstanden, es gibt noch viel zu tun, aber es geht voran und krass nach oben.

Wir hatten im letzten Jahr über 30 Mio Übernachtungen durch Touristen. 30 Millionen, was für eine Zahl. Alle die hier herkommen finden Berlin geil. Die Deutschen aber finden Berlin grässlich, laut, arm, vollkommen ungemütlich. Das scheint den Reiz aber wohl auszumachen. Jeder muss für sich entscheiden, ob er im ruhigen Reihenhaus leben will oder in der unruhigen City, jeder hat seine Welt. Jeder hat seine Prioritäten und Schwerpunkte. Ich lebe in einem Viertel, das weltoffen, multikulturell und tolerant ist, und in dieser Umgebung soll mein Kind aufwachsen. Wir werden hier gut betreut vom Jugendamt, die waren auch schon persönlich hier und machen das bei jeder Geburt im Bezirk. Das muss man erst einmal schaffen.

Mir ist es wichtig, in einer sich ständig verändernden Umgebung zu leben… Wenn ich mit dem Fahrrad durch die sommerliche Stadt fahre, durch Friedrichshain, Kreuzberg, Schöneberg, Mitte, Tiergarten, Charlottenburg, diese ganzen großartigen Viertel, die so wunderschön und inspirierend sind, dann weiß ich, warum ich hier niemals weggehen werde. Ob hier viele Hundehaufen liegen oder mal Verkehrsmittel ausfallen oder mal Alles zugestaut ist oder auch Verbrechen geschehen… Das alles passiert überall in Deutschland auch, nur nicht so geballt auf einem Haufen, weil hier die Anforderungen an ein funktionierendes, zusammenhängendes Gebilde viel höher sind.

Ist doch geil! Das tägliche Gewirr, das Chaos, die Kreativität. Hier findet ein Filmfestival statt, und es gehen nicht 100.000 Leute hin, sondern 390.000. – das publikumsstärkste Festival der Welt. Ich kann hier Spitzensport im Basketball, Fußball, Handball, Eishockey, Volleyball oder in der Leichtathletik sehen, alles in hochmodernen Stadien und Arenen. Samstag geh ich mit meinem Neffen zu Alba, flussläufig erreichbar, bald ist wieder Boxen.

Was soll ich sagen, ich denke ich habe es gut beschrieben. Du hast viele Negativerfahrungen gemacht und kannst die Stadt nicht ausstehen? Dann ist es auch absolut nachvollziehbar, wenn du die Ruhe und die Natur suchst, das finde ich völlig okay. Aber ich liebe es hier und für mich sind so viele andere Dinge entscheidender, als die Wenigen, die nicht perfekt sind.