Berlin, Björn Leffler

Woran man merkt, dass man im richtigen Kiez wohnt ODER Mein Kiez? Mein Kiez!

ein Gastbeitrag von Björn Leffler

Montagabend, 19:00 Uhr, Termin beim Friseur des Vertrauens im Herzen des Simon-Dach-Kiezes. Der Verkehr rauscht die Frankfurter runter, immer kräftig und monoton brummend Richtung Peripherie. Ich bin müde, vom Arbeiten, vom Reden, von Terminen, vom Konzentrieren, vom sachlich-fachlich-sicher-souverän-sein.

Und nun noch zum Friseur… da hab ich so viel Lust drauf wie auf Kartoffeln schälen oder Fußnägel schneiden. Muss zwar sein, aber Spaß macht’s nicht grad, vor allem wenn die Couch schon quasi greifbar ist. Aber Jammern hilft nicht, der Friseur hat sogar bis 22 Uhr offen, da will ich also nicht wegen meines 19:00-Uhr-Termins quengeln. Es hilft ja eh nichts, irgendwann muss sie ab, die Mecke.

Mehr als Dasitzen muss ich ja nicht. Im Salon bin ich mit einem weiteren Gast, weiblich, und zwei junge Friseurinnen schnippeln in konzentrierter Stille so an uns herum. In der Ecke schlummert friedlich ein merkwürdig aussehender Hund, bei dem ich mich spontan frage, welcher merkwürdigen Rasse er denn wohl angehört. Zugegeben, von Hunden hab ich überhaupt keine Peilung. Es könnte also auch eine völlig gewöhnliche Art sein, ich würde sie wohl eh nicht kennen.

Mitten in meine Gedanken hinein sagt die eine, nennen wir sie Astrid: „In Mitte gibt es einen Friseur, da kann man sich von nackten Frauen die Haare schneiden lassen. Die Zielgruppe ist vermutlich eher männlich.“ Eine kleine Diskussion unter den vier Anwesenden entwickelt sich. Ob die nackten Frauen denn auch wirklich gut schneiden könnten, oder eben nur gut dabei aussähen, und ob es das Risiko wert sei. Eintritt müsse man auch zahlen, sagt Astrid. Leicht erheitert lasse ich mir den Nacken ausrasieren.

Nächster Themenpunkt sind dann Nackt-Clubs, in denen man tanzen und feiern kann, der ‘Kit Kat Club‘ in der Heinrich-Heine-Straße zum Beispiel. Nun kommen die beiden Friesierenden richtig in Fahrt. Die andere, nennen wir sie Melanie, sagt: „In Kreuzberg gibt’s auch ‘n Club, der heißt einfach nur ‘Ficken‘. Da darf man sich dann auch nicht wundern, wenn’s da ein bisschen zur Sache geht.“ Ich muss lachen und laufe Gefahr, die Qualität des Haarschnitts durch hektische Kopfbewegungen zu gefährden. Allerdings nimmt das Tempo, in dem mir der Kopf geschnitten wird, rapide ab. Die Diskussion hingegen wird immer reger. Nun kommen eigene Nackt-Erfahrungen der Friseurinnen ins Spiel. Der weibliche Gast lacht, schon deutlich errötet, unter einem nassen, blondierten Scheitel. Mein Haarschnitt ist zur völligen Nebensache verkommen, aber ich nehme das hin, da es wirklich unterhaltsam ist.

Melanie: „Und kennt ihr diesen Sexshop? ‘LSD‘? In der Kurfürstenstraße? Da hab ich mir mal Gleitgel gekauft, für 30 Euro. 30 Euro! Und am nächsten Tag steh ich bei ‘dm‘ und da kostet das Ding nur fünf Euro! Das gleiche Gleitgel! Also kauft niemals Gleitgel im Sexshop! Das gibt’s alles bei ‘dm‘! Ich nicke zustimmend, ganz klar. Das macht natürlich Sinn. 

Viel gelernt also! Nackt-Friseur, Ficken-Club in Kreuzberg, Gleitgel bei dm. Spannend, spannend. Dann aber, urplötzlich, reißt das Gespräch ab. Konzentrierte Ruhe, es wird jetzt fertig geschnippelt. 

Es öffnet sich die Tür und eine Frau mit schwerem Schweizer Akzent fragt: „Sagen Sie mal, was ist das eigentlich für eine Rasse?“ Sie zeigt auf den schlafenden Hund in der Ecke. Astrid antwortet stolz:  „Das ist ein Slowakischer Cuvac!“ „Ah ja, danke! Ein schönes Tier!“

Slowakischer Cuvac. Noch nie gehört. Hätte für mich auch eine Meerschweinrasse sein können. Aber es ist eine seltene Hunderasse. Toll.

Auf dem Heimweg bin ich großartig gelaunt. Der so unangenehm-nervige Friseurtermin, den ich erwartet hatte, ist zu einem unterhaltsam-frivolen Bildungsevent geworden, das letztlich fast eine Stunde gedauert hat. Aber das stört mich dann überhaupt nicht mehr. Ich schlendere entspannt durch den Kiez, auf dem Weg zur U5, vorbei an einer dm-Filiale. Ich schmunzele in mich hinein und weiß – das hier, das ist genau mein Ding.

Berlin Friedrichshain, genau mein Kiez. Mit Slowakischen Dingsbums-Hunden und offenherzigen Friseurinnen. So muss das sein.

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